Hintergrund

Inhalt
1. Die Nazis errichteten eine Terrorherrschaft in Deutschland (1933-1939)
2. Die Deutschen brachten Krieg und Terror in andere Länder (1939-1945)
3. Kriegsgefangenenlager Stalag IVB in Mühlberg (1939-1945)
4. Der Krieg der Nazis bringt die Sowjets nach Deutschland (1945)
5. Sowjetisches Speziallager Nr. 1 bei Mühlberg (1945-1948)
6. Die DDR versuchte, die Erinnerung an die Lager zu löschen (1949-1989)
7. Gedenken und Erinnern – Diskussion und Wertewandel (1990- )

Artikel 4. Die allgemein anerkannten Regeln des Völkerrechts gelten als bindende Bestandteile des deutschen Reichsrechts.
Artikel 109. Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich.

Aus der Verfassung des Deutschen Reiches, 1933 von den Nationalsozialisten außer Kraft gesetzt.

Die Nationalsozialisten errichteten seit 1933 eine Schreckensherrschaft in Deutschland

Nach der Machtübergabe 1933 brachen die Nationalsozialisten in Deutschland mit der über einhundertjährigen deutschen Rechtstradition der allgemeinen bürgerlichen Rechte. Sie begannen, eine verbrecherische Politik umzusetzen, die nicht mehr allen Menschen gleiche Grundrechte zustand. Diese nationalsozialistische Politik war die wesentliche Voraussetzung für die katastrophischen Entwicklungen der Folgejahre. Für die Machterhaltung und Machtentfaltung der Nationalsozialisten und ihrer Gefolgschaft wurden nach 1933 bestimmte Gruppen von Menschen systematisch entrechtet, verfolgt und schließlich sogar getötet. Insbesondere politische Gegner, Juden, Pazifisten, Homosexuelle, Sinti und Roma, geistig und körperlich Behinderte, aber auch Abweichler aus den eigenen Reihen zählten zu den von den Nationalsozialisten Entrechteten.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges wurde der Terror über ganz Europa und darüber hinaus getragen

Während in der Zeit von 1933 bis 1939 die Politik der Nationalsozialisten mit der Verfolgung von Regimegegnern und einzelnen Bevölkerungsgruppen im Inneren Deutschlands umgesetzt wurde, markierten das Münchner Abkommen 1938 und der Beginn des 2. Weltkrieges im Jahre 1939 die Ausdehnung dieser unmenschlichen Vorgehensweise auch auf Gebiete und Menschengruppen außerhalb des deutschen Reiches.

Die Folgen für Deutschland, Europa und weltweit waren katastrophal: Millionen von Kriegstoten, Ermordeten, Verkrüppelten, Vertriebenen, zerstörte Länder, Auflösung der Gesellschaften, Hunger, Elend, Leid.

Die deutsche Wehrmacht hielt die ausländischen Kriegsgefangenen in Lagern fest

Viele Soldaten, die die von Deutschland überfallenen Länder verteidigten, gerieten während des Krieges in deutsche Gefangenschaft und wurden dann in Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht festgehalten.

Das Mannschafts-Stammlager IVB (Stalag IVB) bei Mühlberg war eines der größten Kriegsgefangenenlager in Deutschland, es konnte gleichzeitig etwa 16 000 Menschen aufnehmen. Tatsächlich war es zeitweise mit bis zu 30 000 Insassen belegt. Die Gefangenen kamen aus über 40 Staaten, hier sind unter anderem die Sowjetunion, Frankreich, Großbritannien, Polen, die USA, Niederlande, Serbien, Italien, Belgien, Kanada, Südafrika, Dänemark, Australien und Neuseeland zu nennen. Insgesamt waren etwa 300 000 Soldaten, Soldatinnen und auch Kinder von 1939 bis 1945 für kürzere oder längere Zeit im Stalag IVB. Das Stalag IVB war ein Durchgangslager, die meisten Kriegsgefangenen wurden in andere Stalags oder in Arbeitskommandos in der näheren oder ferneren Umgebung von Mühlberg verlegt. Aufgrund der schlechten Haftbedingungen und auch durch Misshandlungen durch das Wachpersonal kamen etwa 3 000 Menschen, hauptsächlich sowjetische Kriegsgefangene, im Lager Mühlberg ums Leben. Im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen der anderen Nationen wurde die Versorgung der sowjetischen Gefangenen durch das Rote Kreuz von den Deutschen nicht zugelassen, da die Sowjetunion der Genfer Konvention nicht beigetreten war. Die Zahl der Todesopfer unter den vom Stalag IVB weiter verlegten Kriegsgefangenen ist bis heute nicht genau bekannt, es sind mit Sicherheit viele Zehntausende.

Mit der Niederlage der deutschen Wehrmacht erfasste der Terror weite Teile der deutschen Bevölkerung

Die verbrecherische Annexions- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten gegenüber den anderen souveränen Staaten in Europa führte dazu, dass die anderen Länder ihre Anstrengungen im Kampf gegen Deutschland vereinten. Die deutsche Wehrmacht war gleichzeitig durch die abenteuerliche Kriegspolitik geschwächt. Die Folge der nationalsozialistischen Politik war deshalb die Besetzung Deutschlands durch die alliierten Streitkräfte im Jahre 1945. Dabei wurde der Osten Deutschlands und Mitteldeutschland von der Sowjetunion unter der Führung Stalins besetzt. Auch in der Sowjetunion war der Terror der Herrschenden gegen andere Bevölkerungsgruppen Staatsprinzip und begründete die Herrschaft der stalinistischen Kommunisten.

Zur Sicherung der stalinistischen Herrschaft in der sowjetischen Besatzungszone wurde etwa 1% der Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone in Speziallagern inhaftiert

Zu keinem Zeitpunkt hatten die sowjetischen Besatzer und ihre deutschen Unterstützer vor, in ihrem Einflussbereich wieder zu einer Politik der bürgerlichen Grundrechte zurückzukehren. Im Gegenteil: um das stalinistische Herrschaftssystem in Deutschland umzusetzen, wurden mit Beginn der Besatzung, vor allem aber seit Sommer 1945 (also Monate nach Kriegsende), auf der Grundlage des NKWD-Befehls 00315 Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die den neuen Machthabern gefährlich oder unbequem erschienen, auf unbestimmte Zeit vom NKWD/MWD verhaftet. Die Inhaftierten wurden verhört, oft dabei gefoltert, und mussten dann ein in russischer Sprache verfasstes Geständnis unterschreiben. Die Anschuldigung galt bereits als der Beweis der Schuld. Urteile wurden dann nicht mehr ausgesprochen. Das zur Inhaftierung dieser Personen in Schwiebus in der Neumark eingerichtete Speziallager 1 des NKWD wurde Ende August 1945 auf das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag IVB bei Mühlberg/Elbe verlegt.

Nach außen hin deklarierte man diese Aktionen als Verfolgung von Kriegsverbrechen und Verbrechen von Nationalsozialisten.

Richtig daran ist, dass sich aktive Nationalsozialisten sowie auch Menschen, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt hatten, unter den Inhaftierten befanden.
Das Ziel der sowjetischen Verwaltung war aber nicht, diese Menschen gerichtlich für ihre Taten zu verurteilen. Zu den Inhaftierten zählten neben ehemaligen NSDAP-Mitgliedern ebenso Anhänger der neu zugelassenen Parteien, Lehrer, Beamte, Ingenieure, Journalisten, Fabrikbesitzer, Landwirte, Frauen und Jugendliche.
Die Verhaftungen fanden dabei quer durch alle Bevölkerungsschichten statt. Denunziationen durch andere Deutsche waren eine verbreitete Ursache der Inhaftierung. Der Anteil der tatsächlich von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilten im Lager Mühlberg lag weit unter 1%. Viele dieser Urteile wurden nach 1991 von Rußland zurückgenommen, da sie eindeutig dem damals geltenden sowjetischen Recht widersprachen.

Zum Vergößern aufs Bild klicken.
Plakat der sowjetischen Militärverwaltung in Neuhausen/Erzgebirge vom 10.5.1945, wiedergegeben im Amtsblatt Neuhausen 3/2007.

Für die Sowjets galt vielfach die Anschuldigung als Beweis eines Verbrechens. Geständnisse der Beschuldigten wurden durch Prügel erpresst und mussten in russischer Sprache unterschrieben werden. Eine weitere Prüfung des Wahrheitsgehalts fand in der Regel nicht statt.

Von den insgesamt über 21 800 Inhaftierten im Speziallager Mühlberg kamen mindesten 6 700 Personen aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen sowie der mangelnden Ernährung und medizinischen Versorgung im Lager ums Leben. Unter den Inhaftierten befanden sich 1 319 Jugendliche aus den Jahrgängen 1926-1933, von denen 111 im Speziallager Mühlberg verstarben. Viele der überlebenden Jugendlichen wurden später zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschleppt.
Die interne Lagerverwaltung wurde von Deutschen durchgeführt. Neben vielen solidarischen Verhaltensweisen der Inhaftierten untereinander bildete sich so auch ein ein Cliquen- und Hierarchiesystem heraus, in dem unter den Häftlingen erbarmungslos der Kampf um die allzu knappen Ressourcen, die wenigen Posten mit ausreichender Nahrungsversorgung und damit um Leben und Tod geführt wurde. Die sowjetische Lagerleitung sah dem Sterben tatenlos zu, obwohl sie es genau registrierte.

Nach der Auflösung des Speziallagers Mühlberg im Jahre 1948 kam nur ein Teil der Inhaftierten nach Hause. Tausende Andere führte ihr Leidensweg in weitere Lager in Deutschland oder zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Die letzten sowjetischen Speziallager in der DDR wurden 1950 geschlossen. Ein Teil der letzten Inhaftierten wurde der Justiz der DDR übergeben, die mit den Waldheimer Prozessen gegen diese Menschen das Unrecht verlängerte.

In der DDR sollte die Erinnerung an das Lager Mühlberg ausgelöscht werden


© LutzBruno(GFDL) via Wikimedia Commons

Die Toten des Stalags IVB wurden in Einzelgräbern auf dem Friedhof Neuburxdorf bestattet. Sie erhielten 1944 noch während der Existenz des Stalags IVB einen Gedenkstein. Hiervon ausgenommen waren Opfer unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, die man damals in Massengräbern verscharrte. Sie wurden nach 1946 von der sowjetischen Militäradministration nach Elsterwerda umgebettet, dort wurde für sie ein Ehrenhain errichtet.

Auch die Toten des Speziallagers wurden in Massengräbern beerdigt. Nach der Auflösung des Lagers sollten die Opfer in Vergessenheit geraten. Wenn Angehörige versuchten, Holzkreuze aufzustellen oder Blumen niederzulegen, so wurden diese sofort wieder entfernt. Das Gelände wurde zunächst landwirtschaftlich genutzt, später dann aufgrund der vielen Knochenfunde aufgeforstet.

Den überlebenden Häftlingen wurde in der DDR bei strenger Strafe verboten, über ihre Erlebnisse im sowjetischen Speziallager Mühlberg zu berichten.

Angst und Terror blieben grundlegendes politisches Mittel in der DDR

Aufgrund der großen Anzahl der betroffenen Personen hat sich die Erfahrung des stalinistischen Terrors trotz (oder gerade wegen ?) des Schweigegebots tief in das Bewusstsein der Bevölkerung in der DDR eingebrannt. Bereits im Juni 1945 begann Erich Mielke als Abteilungsleiter Polizei und Justiz im Zentralkomitee der KPD in enger Kooperation mit dem NKWD seine verhängnisvolle Tätigkeit des Aufbaus einer kommunistischen Geheimpolizei. Im Jahre 1946 wurde dann in der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Verwaltung des Innern als formelle Koordinationsstelle der Geheimpolizei mit Erich Mielke als Vizepräsidenten gegründet. Die Strategie war, durch Drohung und Erpressung möglichst viele Menschen zum Handeln im Sinne der neuen kommunistischen Machthaber zu bringen. Dass dieses Vorgehen Erfolg hatte, zeigt die Tatsache, dass bereits 1950/51 etwa 175.000 frühere Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen, Wehrmachtsoffiziere und Berufssoldaten der Sozialistischen Einheitspartei (SED) beigetreten waren. Das sind mehr Menschen, als in den sowjetischen Speziallagern insgesamt inhaftiert waren. Daran lässt sich erkennen, dass im Gegensatz zur Propaganda um die sowjetischen Speziallager aktive und auch hochrangige Nationalsozialisten in der DDR durchaus Karriere machen konnten.

Die SED-Führung hatte zu keinem Zeitpunkt öffentlich gegen das sowjetische Speziallagersystem protestiert oder sich gar davon distanziert. Indem sie es in der DDR auf andere Weise fortführte, gründete sie schließlich auf die willkürliche Inhaftierung und psychische sowie physische Vernichtung ihnen missliebiger Personen ihre 40 Jahre andauernde Herrschaft. Von 1967 bis 1989 waren über 80 000 DDR-Bürger im sogenannten „Vorbeugekomplex“ namentlich erfasst, was bedeutete, dass sie innerhalb kürzester Zeit in vorbereitete sogenannte Isolierungslager hätten verbracht werden können. In der DDR war Allzuvielen bekannt: Wer sich nicht entsprechend den Vorgaben der SED verhält, kann jederzeit abgeholt werden. Die Angst regierte das politische Verhalten vieler Menschen.

Erst nach 1990 konnte in Mühlberg öffentlich der Opfer gedacht werden

In Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und in den USA entstanden schon bald nach 1945 Verbände der ehemaligen Insassen des Stalag IVB. Sie sind teilweise bis heute aktiv.

In Westdeutschland beschäftigte man sich nur zögerlich mit der Geschichte der Kriegsgefangenenlager. Besonders die Lager in der sowjetischen Besatzungszone und noch weiter östlich gelegene Lager wurden wenig beachtet.

Auch die sowjetischen Speziallager, die zunächst bis in die 1950er Jahre noch ein Thema in der öffentlichen Diskussion im Rahmen des Kalten Krieges waren, gerieten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in Westdeutschland bald aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Ehemalige Insassen des Stalags IVB und des Speziallagers Mühlberg schlossen sich 1990 zur Initiativgruppe Lager Mühlberg e.V. zusammen. Mit Unterstützung vieler Helfer gelang die Errichtung einer eindrucksvollen Gedenkstätte mit den Tafeln der Namen der im Speziallager gestorbenen Häftlinge. Das Land Brandenburg und die Städte Mühlberg und Bad Liebenwerda beteiligten sich finanziell. Ab April 2015 wird dann im neueröffneten Stadtmuseum von Mühlberg/Elbe auch über das Stalag IVB und über das Speziallager Nr. 1 informiert werden.

Inzwischen erschienen eine Vielzahl von Büchern und Aufsätzen in denen die Erlebnisse Überlebender des Speziallagers geschildert werden. Akribisch wurden von Achim Kilian, einem ehemaligen Gefangenen des Speziallagers 1, viele Details und Statistiken zur Geschichte des Lagers Mühlberg dokumentiert.

Allerdings sind weder im Gedenkstättenkonzept des Landes Brandenburg noch in der Gedenkstättenförderung des Bundes weitere offizielle Aktivitäten auf dem Gelände des Lagers Mühlberg vorgesehen. Auch die Mehrzahl der Landkreise, Kommunen und Gemeinden zieht es bis heute vor, die Geschichte sowohl der Kriegsgefangenenlager als auch der sowjetischen Speziallager zu verschweigen, zu verharmlosen oder falsch darzustellen. Dieses teilweise Versagen der offiziellen Erinnerungskultur und der öffentlichen Diskussion wird inzwischen sowohl von Neonazis als auch von radikalen Linken in einseitigen und verfälschenden Darstellungen für ihre antidemokratischen Ziele gezielt ausgenutzt.

Mit der schwindenden Zahl von Zeitzeugen müssen in der heutigen Zeit neue Formen des Gedenkens gefunden werden, um die Erinnerung an die unzähligen Opfer und das Wissen um die Vorgehensweisen der Täter wachzuhalten und um die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen zu können.

Niemals wieder darf eine Herrschaft auf die Unterdrückung und Vernichtung anderer Menschen gegründet werden.

Stand: 18.11.2014


© Uwe Steinhoff und Heike Leonhardt2011-2014